Lernende finden Qualifikationsverfahren 2021 unfair


Update vom 09.02.2021, Beitrag SRF 4: Gastro-Lehrlinge büffeln im Lernenden-Hotel für die Prüfungen

Die Hotel-und Gastro-Branche hat das Problem erkannt und macht zusammen mit den Lernenden das Beste aus der Situation. Ein spannender Beitrag welcher aufzeigt, was trotz Corona-Pandemie alles möglich ist.


Vor rund einem Monat wurde im Stillen die schweizweite Petition „Auf das QV verzichten“ gestartet. In dieser Petition wollen alle Lernenden der Abschlussjahrgänge 2021 erreichen, dass ihre Qualifikationsverfahren QV nicht stattfinden sollen. Rund 22’130 Lernende (Stand 20.01.2021) wollen diese Petition nach eigenen Angaben bereits unterschrieben haben. Sie setzen damit ein fragwürdiges Signal an die Adresse ihrer Lehrbetriebe und an die Berufsbildung Schweiz.

So argumentieren die Petitionsführer

Die Petitionsführer argumentieren, dass während des „Home Schoolings“ viele Themen nicht richtig bearbeitet wurden. Auch konnten technische Störungen teilweise nicht aufgehoben werden, welche die, Zitat: „…belastende Situation zusätzlich verschärft…“ hätten. Sie führen weiter aus, dass während der Pandemie einige Lernende zusätzlich arbeiten mussten. Der verpasste Stoff werde nicht erneut im Präsenzunterricht erarbeitet und die Schüler würden somit unter Stress stehen. Auch die überbetrieblichen Kurse seien verschoben, oder zu Hause bearbeitet worden. Einige Lernende mussten im November 2020 erneut auf den Präsenzunterricht verzichten und sie würden, Zitat: „…nicht einmal wissen, ob die anstehenden Prüfungen 2021 stattfinden würden…“. Interessant wird die Schlussfolgerung der Petitionsschrift: Hier wird unmissverständlich klar gemacht, dass die Durchführung der Abschlussprüfungen für alle Lernenden des Abschlussjahrgangs 2021 eine Zumutung darstellen würde.

Initiative PROLEHRSTELLEN.ch wird unterwandert

Eine sachliche Differenzierung der betroffenen Branchen, sowie die Auseinandersetzung ob nur die schriftlichen oder die praktischen Fächer nicht durchgeführt werden sollen, wurde durch die Petitionsführer nicht gemacht. Auch wurden von offizieller Seite bislang keine Qualifikationsverfahren abgesagt. Es ist deshalb auch für die Petitionsführer davon auszugehen, dass alle Qualifikationsverfahren 2021 stattfinden werden. Die geschaffene „Task Force“ des Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI stand schon zu Beginn der Pandemie mit allen Bildungsinstitutionen in Kontakt. Sämtliche Entscheide und eingeleiteten Massnahmen des SBFI wurden von allen involvierten Verbands-Sektionen der Arbeitswelt bereits im September 2020 mitgetragen. Insbesondere hat man der Vereinbarkeit von „Home Schooling“ und fortlaufender praktischen Tätigkeiten der Lernenden während ihrer Ausbildung Rechnung getragen.

Durch diese Petition wird nicht nur die Initiative „PROLEHRSTELLEN.ch“ von Bundesrat Guy Parmelin unterwandert. Auch der Forderung zur „Jugendgarantie“ durch das Co-Präsidium der SP-Schweiz, Mattea Meyer und Cédric Wermuth, wirkt diese Petition massiv entgegen.

Der Aufruf von Bundesrat Guy Parmelin richtet seinen Appell an die Lehrbetriebe, weiterhin Lehrstellen zu schaffen und anzubieten. Die SP-Schweiz geht noch einen Schritt weiter und fordert mit ihrer „Jugendgarantie“ ein, dass stets genügend Lehrstellen, sowie Garantien für Weiterbeschäftigungen von ehemaligen Lernenden gewährleistet sein sollen.

Das sagen die Lehrbetriebe

Bei den Lehrbetrieben macht sich derweilen schweizweit grosse Enttäuschung breit. Entgegen den fadenscheinigen Darstellungen der Petitionsführern, man hätte für ihre Anliegen kein Gehör, führen die Lehrbetriebe aus, welche Angebote sie in der gesamten Pandemie aufrecht erhalten haben. Unter Einhaltung der vom Bundesrat verordneten Schutzkonzepte, wurden für die Lernenden trotzdem neue Ausbildungsräume und Kompetenzzentren geschaffen. Die Lernenden wurden durch ihre Berufsbildner informiert, dass ihre Ausbildungs- und Kompetenzzentren für sie jederzeit offen stehen würden. Somit hatten die Lernenden auch während der Pandemie die Möglichkeit, ihre erkannten Defizite bereits früher aufzuarbeiten.


Jörg Scherhag, Berufsbildungsverantwortlicher der Schibli Gruppe bringt es auf den Punkt:

Die Lernenden haben diese Angebote nicht wahrgenommen. Wir sind hier in der Erwachsenenbildung. Man muss die Lernenden an ihre Selbstverantwortung erinnern, denn schliesslich wollen sie auch als Erwachsene behandelt werden.

Jörg Scherhag, Schibli Gruppe

Thomas Schelker, Berufsbildungsverantwortlicher von Jaisli-Xamax bekräftigt:

Bezüglich den übergeordneten Kursen üK habe ich keine Bedenken, da diese nachgeholt wurden und somit kaum oder gar keine Beeinträchtigungen vorliegen. Hier haben die üK-Zentren einen beachtlichen Effort geleistet!

Thomas Schelker, Jaisli-Xamax

Gesa Geiser, Berufsbildungsverantwortliche von DHL Schweiz sagt:

Wir haben einige Lernende, welche letztes Jahr wegen „Home Schooling“ sehr gemütlich unterwegs waren und jetzt merken, was sie alles verpasst haben.

Gesa Geiser, DHL Schweiz

Die BKW Building Solutions AG ging u.a. aufgrund der aktuellen Situation noch einen Schritt weiter: Sie eröffnete im Januar 2021 ein neues Kompetenzzentrum für die Berufsbildung in Urdorf. Darin werden Lernende auf ihre Lehrabschlussprüfung vorbereitet. Auch zusätzliche Ausbildungseinheiten und Standortbestimmungen (Zwischenprüfungen) werden darin abgehalten. Das Kompetenzzentrum steht allen Berufsbildnern und Lernenden zur freien Nutzung offen. Doch auch hier macht sich bei den QV-Vorbereitungen Ernüchterung breit.

Rolf Siebold, Leiter Berufsbildung Gruppe BKW Building Solutions AG:

Die Abschlussjahrgänge sind dieses Jahr sehr schwach unterwegs. Das theoretische Fachwissen weist grosse Lücken auf. Auch unter Berücksichtigung, dass dies aus den durch die Petition aufgeführten Argumenten entstanden sein könnte – in den praktischen Fächern sieht es nicht besser aus.

Rolf Siebold, BKW Building Solutions AG

Diese Erkenntnis ist erstaunlich, denn schliesslich waren z.B. Lernende der Gebäudetechnik während der ganzen Pandemie auf den Projekten unterwegs.

Folgende Frage muss deshalb erlaubt sein: „Wie kam denn nun das Ausbildungs-Manko in der Praxis genau zu Stande?“

Kommentar

Diese Petition zeigt sich contra produktiv und gefährdet die Corporate Responsibility der Lehrbetriebe. Die Mitglieder der IG Berufsbildung IGBB-Schweiz sind sich einig:

Die Massnahmen des Bundesrats zur Eindämmung von COVID-19 betreffen und fordern alle Bürgerinnen und Bürger. Auch alle Lehrbetriebe und alle Lernenden. Die Lehrbetriebe und Bildungsinstitutionen haben alle Anstrengungen unternommen und den Lernenden alternative Ausbildungs-Angebote unterbreitet. Diese Chancen blieben grösstenteils ungenutzt. Doch jetzt kommt die grosse Ernüchterung bei den Abschlussjahrgängen. Alle, welche die Petition unterschrieben haben, empfehlen sich als nicht bereit für ihre Lehrabschlussprüfung. Die sachliche Konsequenz daraus wäre, die Teilnehmer der Petition nochmals ein Jahr repetieren zu lassen. Zudem erwarten wir, dass die damit einhergehende Frage beantwortet werden muss, was die Lernenden in den drei voran gegangenen Jahren denn gelernt haben?

Am nationalen Spitzentreffen der Berufsbildung vom 9. November 2020 haben sich Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt gemeinsam dafür ausgesprochen, dass die Qualifikationsverfahren 2021 grundsätzlich nach geltendem Recht durchgeführt werden sollen.


Solange die Berufsschulen offen sind, muss niemand sagen Berufskunde nicht machen zu können!

IG Berufsbildung IGBB – Schweiz

Von Seite der praktischen Ausbildung sind sich unsere Mitglieder ebenfalls einig:

Es gibt kein Argument für mangelnde Ausbildung, da die Baustellen/ Projekte offen gehalten wurden und wir glücklicherweise produzieren konnten. Die überbetrieblichen Kurse (Theorie, Praxis und Standortbestimmungen) wurden nachgeholt. Betreffend Berufskunde an den Berufsschulen, sind die bereits im Vorfeld schwachen Lernenden grösstenteils selber schuld. Sie wurden von ihren Berufsbildnern frühzeitig kontaktiert und an es wurde an ihre „Eigenverantwortung“ appelliert. Keiner der 100 Lernenden (Beispiel: Schibli Gruppe) hat sich in den letzten 10 Monaten gemeldet und die angebotenen, interne Aufgabehilfe in Anspruch genommen. Deshalb liegt die Schlussfolgerung nahe, dass dies in den Berufsfachschulen ebenso passierte. Es ist davon auszugehen, dass rund 1/3 mit Tendenz zu 2/3 der Lernenden bezügliche Berufskunde stagnieren, oder sich sogar verschlechtert haben.

Berufslehren gehören in der Kategorie „Sekundarstufe 2“ zur Erwachsenenbildung. Die Lehrbetriebe dürfen erwarten, dass sich Lernende wie Erwachsene verhalten. Man beachte diesbezüglich, dass die Petitionsführer zudem potentielle Anwärter auf einen entsprechenden Mindestlohn nach der Lehrabschlussprüfung sind.

Die Lehrbetriebe investieren horrende Summen, den Nachwuchs auszubilden. Auch die IG Berufsbildung IGBB-Schweiz sieht ihre Aufgabe darin, die Berufsbildung als Rückgrat der Wirtschaft zu stärken. Was aber nicht angehen kann, ist, dass sich Lernende um ihre Pflichten als Erwachsene drücken, um unter dem Deckmantel von COVID19 ihren Abschluss, ohne Qualitätskontrolle durch die Prüfungskommissionen und Berufsbildungsämter, zu erschleichen. Auch müssen sich die Petitionsführer vor Augen führen, welche Signale sie mit dieser Aktion gegenüber den Lehrbetrieben (welche ja genau die Lernenden auf ihrem Weg begleiten und unterstützen sollen) aussenden. Dies würde einer Schwächung und einem Imageverlust der Berufsbildung (in der Folge auch in der Höheren Berufsbildung HBB) gleichkommen. Auch würde der Initiative „PROLEHRSTELLEN.ch“ und die Forderungen zur „Jugendgarantie“ an Glaubwürdigkeit verlieren und damit den Werkplatz Schweiz nachhaltig geschädigt werden. Grundsätzlich steht es jedem Lernenden frei, sich von der Prüfung abzumelden, wenn er sich dafür nicht „fit genug“ fühlt.

Wir unterstützen die Petition „Auf das QV verzichten“ nicht und empfehlen:

Nichtunterzeichnung der Petition und vollumfängliche Ablehnung des Petitionstextes!

IG Berufsbildung IGBB – Schweiz

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12 Kommentare
  1. Ulrich Laufer
    Ulrich Laufer sagte:

    Mein Dank an all jene, die gegen diese unsägliche Petition kämpfen.
    3-4 Jahre das Minimum machen, COVID vorschieben und hoffen, man erhalte das Zeugnis einfach so. Danach aber Lohn und noch mehr Lohn fordern, ohne je Leistung gezeigt zu haben.
    Sorry liebe Lernende, Faulheit darf nicht belohnt werden. Zeigt was ihr könnt, damit ihr auch stolz auf das Erreichte sein könnt.

    Antworten
    • Rolf Siebold
      Rolf Siebold sagte:

      Lieber Ulrich Laufer,

      Herzlichen Dank für deinen Kommentar.
      Wir verstehen jeden gewissenhaften Lehrbetrieb, welcher dieser Petition entgegentritt. Die Abschlussjahrgänge 2021 zeigen sich so schwach wie nie. Bei der Analyse zeigt sich, dass in den meisten Fällen nicht einmal die fachbezogenen Grundlagen der ersten Lehrjahre sitzen. Das deutet deshalb auch stark darauf hin, dass COVID als die Insel der faulen und desinteressierten Lernenden gesehen wird. Es ist uns wichtig, dass wir nicht alle Lernenden in den gleichen Topf werfen, denn es gibt auch die Guten.
      Doch diese Petition will ja genau das, denn sie zielt auf ALLE Lernenden ab und fordert einen kompletten Verzicht auf die Qualifikationsverfahren 2021.
      Hinsichtlich Ausbildungsqualität des Fachkräftenachwuchses, ist dies eine alarmierende Entwicklung und zeugt von einem extrem schmalem Horizont der Initianten, hinsichtlich der Betrachtungsweise der über die Jahrzehnte erreichten Errungenschaften vorangegangener Generationen im Bereich der Berufsbildung.

      Ein Schlag ins Gesicht für alle Lehrbetriebe, welche sich jeden Tag für die Berufsbildung engagieren. Diese Petition gefährdet somit das Corporate Responsibility zwischen Lehrbetrieben, Eltern, Schulen und den Lernenden selbst. Sie gehört gestoppt.

      Herzlichst

      IG Berufsbildung IGBB – Schweiz
      Marketing & Communications

      Antworten
      • Kramer
        Kramer sagte:

        Du bringst es auf den Punkt
        „Ein Schlag ins Gesicht für all die Lehrbetriebe die tagtäglich sich für den Nachwuchs für unsere Zukunft arbeitet“.

        Unverschämte Petition!

        Antworten
        • Rolf Siebold
          Rolf Siebold sagte:

          Lieber Robi,

          Herzlichen Dank für deinen Kommentar.

          Interessant ist ja, dass die Petitionsführer nach dem Giesskannen-Prinzip agierten. Nach eigenen Angaben wollen sie über 22’000 Unterschriften beisammen haben. Dieser Nachweis müsste zuerst noch erbracht werden, denn es haben z.B. auch Eltern etliche Kommentare auf der Petitionsseite hinterlassen. Diese Aktion wird als „Petition der Faulen und Desinteressierten“ wahrgenommen und repräsentiert nicht die Meinung der Mehrheit. Denn es gibt viele gute Lernende, welche die Zeit der Pandemie nutzten und ihr Wissen und aus Selbstverantwortung am Ball blieben.

          Diesen Lernenden gehört ein grosses Lob von Seiten der IG Berufsbildung IGBB – Schweiz, den Lehrbetrieben, der Task-Force des SBFI, den Verbänden und Organisationen ausgesprochen!

          Der Lernende Rinor Zeqiraj hat sich am 21.01.2021 soeben empfohlen, sein letztes Lehrjahr nochmals zu wiederholen.

          Herzlichst

          IG Berufsbildung IGBB – Schweiz
          Marketing & Communications

          Antworten
    • Rinor Zeqiraj
      Rinor Zeqiraj sagte:

      Liebe Leute

      Ich sehe keine Argumente ausser dass uns Lernenden vorgeworfen wird Faul zu sein. Grosse reden sind einfach wenn man nicht in dieser Position der Lernende ist. 22000 Personen die diese Petition bis jetzt unterschrieben haben, und man redet von Faulheit. Das ist einfach Lächerlich!

      Antworten
      • Rolf Siebold
        Rolf Siebold sagte:

        Lieber Rinor,

        Danke für deinen Kommentar. Wir haben diesen eigentlich schon früher erwartet!
        Gerne unterhalten wir uns mit dir über deine Bemühungen, den Lehrabschluss 2021 allen Lernenden uneingeschränkt schenken lassen zu wollen. Schade, dass du keine Argumente in unserem Blog-Beitrag findest. Denn darin setzen wir uns mit euren Anliegen der Petitionsschrift auseinander. Der Nachweis für die Echtheit der 22’000 Unterschriften (von Lernenden der Abschlussjahrgänge) wäre von dir überdies noch zu erbringen. Eine Petition zu unterschreiben, erachten wir übrigens nicht als eine nennenswerte Leistung.

        Kannst du deine Aussage mit einer Liste offenlegen und beweisen?

        Wir von der IG Berufsbildung IGBB – Schweiz sind der dezidierten Auffassung, dass alle Petitions-Teilnehmer sich für eine Wiederholung des letzten Lehrjahres empfohlen haben.

        Du würdest somit auch zu dieser Gruppe gehören 😉

        Wir sind jetzt schon gespannt, wie viele von deinen Mitstreitern in unserem Blog mit ihrem Namen einen Kommentar hinterlassen.
        Gerne erwarten wir deine Kontaktaufnahme.

        Herzlichst

        IG Berufsbildung IGBB – Schweiz
        Marketing & Communications

        Antworten
      • Ermano Bertinelli
        Ermano Bertinelli sagte:

        Lieber Rinor,

        Besten Dank für deinen Kommentar. Ich finde es mutig von dir, dass du dich offen dieser Diskussion stellst.
        Es ist korrekt, dass wir jetzt nicht in der Situation der Lernenden stecken. Aber viele Erwachsene haben nach ihrem Lehrabschluss noch viel schwierigere Prüfungen unter noch schwereren Bedingungen gemeistert.
        Meine langjährige Erfahrung mit Lernenden zeigt, dass es meistens die schlechten Schüler sind, die solche abstrusen Gedanken haben. Ich finde es befremdend, dass du soviel Energie aufwendest um eine Prüfungserleichterung zu erwirken, anstatt dich auf deinen Abschluss zu konzentrieren. Wenn du nicht bereit bist für deinen Lehrabschluss, dann nimm dir den Ratschlag von Herrn Rolf Siebold zu Herzen und mach den Abschluss im 2022. Ich bin überzeugt, dass dein Lehrmeister dich sicher unterstützt hätte, wenn du ihn um eine Unterstützung gebeten hättest. Sollte dies nicht der Fall sein, kannst du mir gerne seine Kontaktdaten angeben, so dass ich ihn um eine Stellungnahme bitten kann.

        Beste Grüsse
        Ermano Bertinelli
        Leiter Aus- und Weiterbildung
        swisspro PM AG

        Antworten
  2. Ermano Bertinelli
    Ermano Bertinelli sagte:

    Ich frage mich, was geht in den Köpfen derjenigen Eltern vor, die so eine Petition unterzeichnen?
    Vermutlich ist es gutgemeinte Hilfestellung. Aber wollt ihr euren Kindern im späteren Berufsalltag auch alle Hürden abnehmen?
    Und übrigens: Wo waren diese Eltern, als die Lehrlinge im „Home Schooling“ die Gunst der Stunde ausgenutzt haben, anstatt zu lernen?

    Antworten
    • Rolf Siebold
      Rolf Siebold sagte:

      Lieber Ermano Bertinelli,

      Herzlichen Dank für deinen Kommentar und deine berechtigte Fragestellung.
      Diese vorliegende Entwicklung ist alarmierend und sprengt jegliche Vorstellungskraft von Berufsbildungsverantwortlichen. Die Berufsbildung auf Sekundarstufe 2 gehört in die Erwachsenenbildung. Die Lehrbetriebe haben es also ausschliesslich mit erwachsenen Leuten zu tun, denn schliesslich wollen Lernende auch als Erwachsene behandelt werden. In vielen Fällen – in dieser Petition haben bereits >22’000 Lernende und Eltern unterschrieben – scheint es Eltern nicht bewusst zu sein, dass sie gemäss Gesetz ihre „Kinder“ so lange zu unterstützen haben, bis diese ihre Erstausbildung abgeschlossen haben. Damit ist nicht gemeint, wie man dem Jugendlichen behilflich sein kann, seinen Abschluss vom Staat zu erschleichen. Auch Jugendliche müssen durch ihre Eltern geführt werden. Wenn dies nicht der Fall ist, verletzten die Eltern ihre gesetzliche Aufsichts- und Verantwortungspflicht. Gerne schneiden wir überdies noch die Auswirkungen bis in die Höhere Berufsbildung HBB an, welche sich in Zukunft mit Studenten ohne geprüften Lehrabschluss konfrontiert sehen müssten. Ein Umstand, welcher aus einem unheiligen Präjudiz ein gravierender Systemfehler generieren würde.

      Das sind nicht die Werte, für welche das Bildungssystem Schweiz einsteht und bisher eingestanden ist.

      Alle die diese unsägliche Petition unterschrieben haben, empfehlen sich als „nicht prüfungsreif“. Entlang der publizierten Zahlen des Bundesamt für Statistik BFS, wurden in der Beruflichen Grundbildung 68’011 erfolgreiche Qualifikationsverfahren (Quelle: BFS – Statistik der beruflichen Grundbildung (SBG-SFPI) Stand: April 2020) registriert. Das bedeutet, dass rund 1/3 der potentiellen Kandidaten diese Petition unterschrieben haben.

      Statistisch gesehen, wären dies rund 500 Lernende von unseren eigenen Mitgliedern.

      Wir bleiben dran.

      Herzlichst

      IG Berufsbildung IGBB – Schweiz
      Marketing & Communications

      Antworten
  3. Klasse EP17a
    Klasse EP17a sagte:

    Sehr geehrter Herr Siebold

    Mit folgendem Mail möchten wir Ihnen im Namen der Klasse EP17a den Sachverhalt bezüglich Ihres Artikels: „LERNENDE FINDEN QUALIFIKATIONSVERFAHREN 2021 UNFAIR“ , Stand 20.01.2021, abgerufen am 02.02.2021: URL: https://igbb.ch/petition-gegen-qualifikationsverfahren-2021/ aufzeigen.

    Direkt im ersten Abschnitt schreiben Sie: „In dieser Petition wollen alle Lernenden der Abschlussjahrgänge 2021 erreichen, dass ihre Qualifikationsverfahren QV nicht stattfinden sollen“. Hier können wir Ihnen bereits nicht zustimmen, denn es gab Diskussionen darüber, welche Prüfungsteile mit der Petition überhaupt gemeint sind. Als wir eine kleine Abstimmung durchführten, wurde klar, dass ein Großteil der Klasse für eine praktische Prüfung ist, aber gegen die theoretische Prüfung. Der Grund hierfür ist der; Noten, welche man in der Schule während vier Jahren erzielt hat, sind grundsätzlich aussagekräftiger als eine unter Prüfungsdruck entstandene QV. Wir streben einen Wandel im System an, nicht nur für unseren Jahrgang. Viele, wenn nicht die meisten Lehrpersonen, erstellen ihre Prüfung bereits während der Lehrzeit, über die Schwierigkeitsgrade, welche dann am QV gefordert werden. Es sind nicht nur die Bildungslücken welche uns zu schaffen machen, vor allem sind es weit tiefgründigere Gründe: wie das Homeoffice, Homeschooling und die verordneten Maßnahmen, welche das Sozialleben der Jungen massiv einschränken. Wenn man sieben Tage die Woche in den eigenen vier Wänden zuhause ist, hat dies große Auswirkungen auf die Psyche. Laut einer Studie von SRF, haben sich die Symptome schwerer Depressionen von 14-24 Jährigen seit April 2020 um 20% erhöht. (April 2020 / 9% / November 2020 / 29%). Für die Lernenden an der TBZ hat sich die Lage nicht verbessert. Das Homeschooling hat nach den Weihnachtsferien 20/21 weiterhin stattgefunden, da es zu Ansteckungen in der Lehrerschaft kam, außerdem wurde das Homeoffice als Pflicht eingeführt. Fazit: Diese zusätzlichen Belastungen haben logischerweise auch Einfluss auf die Leistungsfähigkeit eines Schülers. Es bildet sich, wie man so schön sagt, ein „Teufelskreis“: sinkende Motivation -> schlechtere Noten -> Frust -> usw. Wir haben diese Petition aus diesen Gründen unterschrieben, nicht aus Gründen der Faulheit.

    https://www.srf.ch/news/schweiz/psyche-und-corona-neurowissenschaftler-stress-hat-in-zweiter-welle-zugenommen

    Im dritten Abschnitt sagen Sie: „Eine sachliche Differenzierung der betroffenen Branchen, sowie die Auseinandersetzung ob nur die schriftlichen oder die praktischen Fächer nicht durchgeführt werden sollen, wurde durch die Petitionsführer nicht gemacht.“ Trotz der schlecht formulierten Petition dient diese dazu, die betroffenen Behörden aufmerksam zu machen, das Thema zu behandeln. Schlussendlich liegt es dann in deren Hand zu entscheiden, welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Ebenfalls ist eine Petition ein Instrument der Meinungsfreiheit und der Demokratie, in welcher wir uns befinden. Außerdem muss man den Nachweis nicht erbringen wie viele der Unterschriften von Lernenden stammen, da es eben eine Petition ist. „Nach eigenen Angaben wollen sie über 22’000 Unterschriften beisammenhaben. Dieser Nachweis müsste zuerst noch erbracht werden“.

    Durch Aussagen wie diese: „Alle, welche die Petition unterschrieben haben, empfehlen sich als nicht bereit für ihre Lehrabschlussprüfung. Die sachliche Konsequenz daraus wäre, die Teilnehmer der Petition nochmals ein Jahr repetieren zu lassen.“ demotiviert man einen Lernenden nur noch mehr. Nur weil ein Schüler sich für das Unterschreiben der Petition entscheidet, heißt das noch lange nicht, dass er nicht bereit ist für die QV. Dies ist lediglich eine Meinungsäußerung, damit man Gehör erlangt. Diskussionen direkt mit den Betroffenen wären angebrachter, und würden auch Erfolge erzielen!

    Außerdem greifen Sie Lernende welche Kommentare verfassen direkt und persönlich an. Andere Kommentare werden nicht veröffentlicht, sondern nur jene, welche eine große Angriffsfläche bieten.

    Grundsätzlich sind wir mit einigen der von Ihnen erläuterten Punkten einverstanden, jedoch gibt es mehr Lösungen durch Gespräche anstatt durch Konflikte.

    In einem guten Gespräch muss man nicht immer „etwas Gutes“ sagen. Manchmal reicht es auch einfach mal „gut zuzuhören“.

    Mit freundlichen Grüssen

    Die Klasse EP17a

    Antworten
    • Rolf Siebold
      Rolf Siebold sagte:

      Sehr geehrte Klasse EP17a,

      Herzlichen Dank für Eure E-Mail zu unserem obigen Beitrag.
      Wir haben uns erlaubt, diese E-Mail in die Kommentar-Funktion unseres Beitrags einzukopieren. Denn wir sind gerne bereit, mit Ihnen den Diskurs über Ihre Petitionen auf Augenhöhe zu führen. Wir nehmen es gleich vor weg und weisen darauf hin, dass ihre Darstellung – es würden nur Kommentare freigeschaltet, welche eine grosse Angriffsfläche bieten würden – nicht korrekt ist. Bei uns sind inzwischen genau zwei Kommentare eingegangen. Wir haben entschieden, den zweiten, doch recht niveaulosen Kommentar aus Rücksicht auf Ihre laufende Petition nicht zu veröffentlichen. Wir nehmen somit zur Kenntnis, dass Sie von diesem Kommentar wussten.

      Wir denken nicht, dass wir in unsere Sichtweise jemanden persönlich angegriffen haben. Denn auch in einer Demokratie, bedarf es an Akzeptanz unterschiedlicher Standpunkte und Meinungen. Und seien diese noch so kontrovers. Somit handelt es sich um den konsolidierten Standpunkt der IG Berufsbildung IGBB – Schweiz. Darin kommen auch Berufsbildungsverantwortliche von Lehrbetrieben zu Wort. So wird z.B. Ihre Petition als Schlag ins Gesicht für all die Lehrbetriebe empfunden, die tagtäglich für den Nachwuchs und unsere aller Zukunft arbeitet!

      Sie schreiben selbst, dass der Petitions-Text schlecht formuliert wurde.

      Wir stimmen Ihnen zu. Das ist keine ideale Grundlage, um Behörden und Entscheidungsträger zu erreichen. Hätten Sie Ihr Anliegen womöglich durchdachter vorgebracht, dann wäre eine differenzierte Ansprache von Beginn an bestimmt viel besser angekommen. Somit fehlt im Petitions-Text der Hinweis, dass Sie nur die theoretischen Fächer nicht ablegen möchten. Im Nachhinein zu sagen, man hätte entlang einer demokratischen Abstimmung in der Klasse ergründet, dass die meisten Lernenden doch nur die theoretischen Fächer nicht ablegen wollten, mutet etwas seltsam an.
      Wir denken nicht, dass es sich hierbei um einen Konflikt handelt, sondern um ein Problem, welches ein Teil des gesamten Abschlussjahrgangs betrifft. Auch hier weisen wir Sie gerne nochmals darauf hin, dass unser konsolidierte Standpunkt jene Lehrberufe fokussiert, die unsere Mitglieder schweizweit ausbilden.

      Sie schreiben ferner, dass es mehr Lösungen durch Gespräche, anstatt durch Konflikte geben würde.

      Haben Sie denn im Kontext des von Ihnen gewünschten „Wandel im System“ bereits Gespräche mit Ihren Lehrbetrieben, den Bildungsinstitutionen und dem Staatssekretariat für Bildung und Innovation SBFI geführt?

      Wäre eine Umkehr des gesamten Sachverhalts eventuell nicht zielführender gewesen, indem Sie als Abschlussjahrgang der Klasse Elektro-Planer EP17a der technischen Berufsschule Zürich TBZ gesagt hätten:

      „Die Pandemie bescherte uns nicht nur Bildungslücken, sondern hatte durch die zusätzlichen Belastungen e.g. des Home Schoolings und die damit verbundene sinkende Motivation und Frust, einen negativen Einfluss auf unsere Leistungsfähigkeit. Aber wir packen es trotzdem an und investieren unsere gesamte Energie auf die bevorstehenden Qualifikationsverfahren!“

      Wie von uns ausdrücklich erwähnt, ist es uns wichtig, dass wir mit unserer kritischen Sichtweise gegenüber Ihrer Petition (in welcher wir klar zum Ausdruck bringen, den Petitions-Text abzulehnen und die Petition nicht zu unterzeichnen) nicht alle Lernenden in den gleichen Topf werfen. Doch ihre Petition ist so formuliert, dass dieselbe auf alle Lernenden aller Branchen (in der Masse) abzielt und einen kompletten Verzicht auf die Qualifikationsverfahren 2021 fordert.

      Auch der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) spricht sich im heutigen Artikel der NZZ zusammen mit anderen Sozialpartnern (Gewerbeverband, Gewerkschaftsbund und Travaille Suisse) vehement gegen die Absage der Prüfungen aus:

      https://test.drkpi.ch/wp-content/files/2021-02-04-NZZ-Seite-20-Wirtschaft-Sind-Lehrlinge-die-Verlierer-der-Corona-Krise.pdf

      Darin kommen nun auch andere Stimmen von Lernenden zum Zug, welche die Petition nicht unterzeichnen wollen. Sie betonen, dass sie genug Zeit gehabt hätten zu lernen und dass es jeder selber in seiner Hand habe. Keinen validierten Abschluss zu haben, könnte in der Folge später ein Nachteil sein.

      Wir wünschen Ihnen trotz allem eine gute Vorbereitung auf Ihr Qualifikationsverfahren und ebenso viel Erfolg!

      Herzlichst
      IG Berufsbildung IGBB – Schweiz
      Marketing & Communications

      PS: In einer guten Antwort, muss man nicht immer zum Direktangriff übergehen. Manchmal reicht es auch, einen kritischen Beitrag (wie den unseren) einfach mal „richtig zu lesen“.

      Antworten
      • Ermano Bertinelli
        Ermano Bertinelli sagte:

        Lieber Rolf
        Besten Dank für deine präzisen Ausführungen.
        Ich möchte an dieser Stelle noch eine Lanze brechen für all diejenigen, die sich in diesen schwierigen Zeiten übermässig engagieren.
        Da wären mal die Schulen die viel Geld investiert haben, um ihr technisches Know-how hochzufahren und teilweise den Lernenden mit Geräten ausgeholfen haben.
        Dann die Lehrer, die teilweise Überstunden geleistet haben um den Lernenden unter die Arme zu greifen.
        Und dann wären noch all diejenigen Lehrbetriebe, die sich täglich bemühen, den Lernenden trotz schwierigen Umständen eine gute Ausbildung zu gewährleisten.
        Zum Schluss noch alle Lernende, die ihre Ausbildung von Anfang an ernst genommen haben.
        Für all diese Personen ist so eine Petition ein Schlag ins Gesicht.

        Beste Grüsse
        Ermano Bertinelli
        Leiter Aus- und Weiterbildung
        swisspro PM AG

        Antworten

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