BKW: Ein Wendepunkt für die Berufsbildung?

Die Schweizer Energie- und Gebäudetechnikbranche ist im Wandel. Fachkräfteengpässe, Digitalisierung und steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen. Inmitten dieser Umbrüche kommt es bei BKW Building Solutions zu einer bedeutenden personellen Veränderung:

Rolf Siebold und Ermano Bertinelli, zwei Schlüsselfiguren der Berufsbildung, verlassen das Unternehmen BKW. Ihr Abgang wirft mehrere Fragen auf. Nicht nur zur künftigen Strategie der BKW, sondern auch zur Entwicklung der Berufsbildung in der Schweiz.

Architekten einer modernen Ausbildungsstrategie

Rolf Siebold, «Leiter Berufsbildung Gruppe» war in den vergangenen 4 ½ Jahren das Gesicht der Ausbildungsinitiative der BKW Building Solutions. Unter seiner Führung baute das Unternehmen eines der umfassendsten Lehrlingsprogramme der Branche auf.

Mehr als 550 Lernende in 25 Berufen wurden unter seiner Ägide betreut. Ein Ausbildungsvolumen, das BKW zu einem der bedeutendsten Lehrbetriebe in der Gebäudetechnik machte.

Die beiden – Rolf Siebold und Ermano Bertinelli – stehen gemeinsam für eine moderne, praxisnahe und wirtschaftlich tragfähige Berufsbildung. Die Strategie der beiden Visionäre war klar:

    Die Ausbildung sollte nicht als Kostenfaktor, sondern als Investition in die Zukunft betrachtet werden.

Siebold und Bertinelli setzten sich für eine stärkere Integration der Lernenden in reale Projekte ein und trieben innovative Ansätze voran. Zudem engagierten sich die beiden vehement für die Qualität und Nachhaltigkeit der Ausbildung.

Ein zentraler Meilenstein ihrer Arbeit war die Charta Berufsbildung, die sie mit der Schweizerischen Normenvereinigung (SNV), Vertretern der Wirtschaft, sowie in Zusammenarbeit mit dem schweizerischen Arbeitgeberverband entwickelten.

Rolf Siebold und Ermano Bertinelli
Rolf Siebold und Ermano Bertinelli in Bern, 2025

Diese Charta definiert verbindliche Standards für eine zukunftsgerichtete Berufsbildung und ist ein klares Bekenntnis zur nachhaltigen Fachkräfteentwicklung.

Siebold und Bertinelli sind überzeugt, dass sich Investitionen in Bildung langfristig rentieren und eine hohe Ausbildungsqualität nicht nur den Lehrlingen, sondern allen Branchen zugute kommt.

Zudem widmeten sie sich insbesondere der Digitalisierung der Berufsbildung. Sie waren Vorreiter in der Implementierung neuer Technologien in der Ausbildung.

Sie erkannten früh das Potenzial digitaler Lösungen zur Optimierung von Lehr- und Prüfprozessen.

Ein bedeutendes Projekt war die Einführung eines „Virtual-Reality-gestützten Erstprüfungs-Verfahren“ für Elektro-Lernende. Als unterstützende Kraft realisierten sie das Projekt in Zusammenarbeit mit der

Durch die Möglichkeit des Prüfens von elektrischen Anlagen in einer sicheren, digitalen Umgebung durchzuführen, wurden neue Massstäbe gesetzt und der Ausbildungsprozess grundlegend modernisiert.

Diese innovative Methode ermöglicht es den Lernenden, komplexe Arbeitsprozesse zu simulieren und praxisnahe Prüfungen und einer sicheren, digitalen Umgebung zu absolvieren.

Das von der Elektrobranche anerkannte Projekt, zeigte das Potenzial von VR für die berufliche Ausbildung auf und wurde für den «Learning Technology Award 2023» in London nominiert.

Ein weiteres Beispiel für ihr Gespür: Der „Startup-Mathematik“-Kurs

Mindestens ebenso wegweisend ist ein weiteres Projekt, das die beiden vor über zehn Jahren ins Leben riefen: Der „Startup-Kurs in Mathematik“ am Elektro-Bildungszentrum Zürich (EBZ).

Mit beeindruckendem Weitblick und einem feinen Gespür für die Herausforderungen des Übergangs von der Volksschule in die Berufswelt erkannten sie früh, insbesondere im technisch-gewerblichen Bereich, die wachsende Kluft im mathematischen Grundwissen vieler Schulabgänger.

Speziell für Elektro-Lernende konzipiert, vermittelt der Kurs praxisnah und verständlich genau jene mathematischen Kompetenzen, die für die berufliche Grundbildung im Elektrobereich zentral sind. Er lässt sich daher treffend als „angewandte Mathematik für Elektro-Lernende“ bezeichnen.

Anstatt auf spätere Stützmassnahmen zu setzen, entwickelten sie einen vorausschauenden Einstiegskurs, der Lernenden bereits vor Lehrbeginn gezielt mathematische Grundlagen vermittelt. Das Resultat kann sich sehen lassen:

    Rund 1’500 bis 2’000 Lernende konnten dadurch besser in die Berufsschule starten.
    Die Zahl der später benötigten Stützkurse reduzierte sich um bis zu 75 Prozent.

Der Startup-Kurs ist ein nachhaltiger Mehrwert für Lernende, Berufsfachschulen und Ausbildungsbetriebe. Ein Paradebeispiel für Bildungsinnovation mit direkter Wirkung.

Ein nachhaltiges Vermächtnis: Die Auswirkungen auf die BKW und die Branche

Der Weggang der beiden Bildungsexperten bedeutet für BKW mehr als nur eine personelle Veränderung. Ihre kreative Denkweise und ihr Engagement für eine moderne, nachhaltige Berufsbildung haben das Unternehmen stark geprägt. Ihr Ausscheiden wirft zentrale Fragen auf:

  • Wird die BKW ihre Ausbildungsstrategie weiterhin als langfristige Investition betrachten?
  • Wird die Digitalisierung der Berufsbildung vorangetrieben oder gerät sie in den Hintergrund?

Kurzfristig könnte der Abgang dieser beiden Schlüsselpersonen zu einem Kompetenzverlust führen, insbesondere wenn es darum geht, die laufenden Projekte nahtlos weiterzuführen.

Rolf Siebold und Ermano Bertinelli am Campus Sursee - 2022
Rolf Siebold und Ermano Bertinelli am Campus Sursee – 2022

Langfristig stellt sich die grundsätzliche Frage, ob BKW die bestehende Strategie beibehält oder sich einem neuen, betriebswirtschaftlich geprägten Modell zuwendet. Die Charta Berufsbildung könnte dabei als richtungsweisendes Dokument erhalten bleiben.

Die Bedeutung der beiden Visionäre für die Zukunft der Berufsbildung

Die Errungenschaften der beiden reichen über die BKW hinaus und haben die Tech-Branchen beeinflusst. Ihr Leitbild einer modernen, qualitativ hochwertigen Berufsbildung wird auch in Zukunft von Bedeutung sein, gerade in einer Zeit, in der gut ausgebildete Fachkräfte immer rarer sind. Unternehmen, die sich nicht aktiv um innovative Ausbildungskonzepte bemühen, laufen Gefahr, den Anschluss zu verlieren.

Die Digitalisierung, wie sie von den beiden forciert wurde, wird weiterhin eine entscheidende Rolle spielen.

Virtuelle Lernumgebungen, adaptive Lernplattformen und automatisierte Prüfungssysteme sind nicht mehr nur theoretische Möglichkeiten, sondern konkrete Werkzeuge, die den Bildungssektor nachhaltig prägen.

Gleichzeitig bleibt der Ansatz der nachhaltigen und integralen Fachkräfteentwicklung von Bedeutung.

«Langfristig ist die Investition in Bildung die effektivste Strategie, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die Innovationsfähigkeit der Branchen zu stärken.»

Rolf Siebold, 2023

Ein Blick nach vorne: Chancen und Herausforderungen

Der Umbruch bei BKW könnte auch eine Chance sein, die Berufsbildung weiterzuentwickeln und neue Impulse zu setzen. Es bleibt abzuwarten, ob die bestehenden Programme in ihrem Sinne weitergeführt, oder optimiert werden.

  • Wird BKW weiterhin ein Vorreiter in der Lehrlingsausbildung bleiben?
  • Wird sie die Digitalisierung in der Berufsbildung konsequent weiterverfolgen?
  • Oder erlebt die Strategie einen Paradigmenwechsel?

Sicher ist: Die von Siebold und Bertinelli angestossenen Entwicklungen sind nicht mehr aufzuhalten.

Die Zukunft der Berufsbildung wird von technologischen Innovationen, nachhaltiger Nachwuchsförderung und einem wachsenden Bewusstsein für die Bedeutung qualifizierter Fachkräfte bestimmt. Doch echte Weiterentwicklung erfordert mehr als nur Anpassung:

Sie braucht Querdenker, die bestehende Strukturen hinterfragen, mutige Ideen vorantreiben und neue Wege gehen. Die BKW steht vor der Herausforderung, dieses Erbe nicht nur zu bewahren, sondern es mit visionärem Denken und unkonventionellen Ansätzen aktiv zu gestalten.

Der Abschied der beiden Wegbereiter markiert das Ende einer Ära – und gleichzeitig den Beginn einer neuen. Die Branche wird genau beobachten, welchen Weg die BKW in der Berufsbildung einschlägt. Ihre Weichenstellungen könnten Signalwirkung für die gesamte Aus- und Weiterbildung in der Energie- und Gebäudetechnikbranche haben.


Es gibt nur eines, was auf Dauer teurer ist als Bildung: Keine Bildung. – Derek Bok


Geschützt: MINT-Ausbildung und Kosten-Nutzen im dualen System

Dieser Inhalt ist passwortgeschützt. Um ihn anschauen zu können, bitte das Passwort eingeben: