Lernende finden Qualifikationsverfahren 2021 unfair


Update vom 09.02.2021, Beitrag SRF 4: Gastro-Lehrlinge büffeln im Lernenden-Hotel für die Prüfungen

Die Hotel-und Gastro-Branche hat das Problem erkannt und macht zusammen mit den Lernenden das Beste aus der Situation. Ein spannender Beitrag welcher aufzeigt, was trotz Corona-Pandemie alles möglich ist.


Vor rund einem Monat wurde im Stillen die schweizweite Petition „Auf das QV verzichten“ gestartet. In dieser Petition wollen alle Lernenden der Abschlussjahrgänge 2021 erreichen, dass ihre Qualifikationsverfahren QV nicht stattfinden sollen. Rund 22’130 Lernende (Stand 20.01.2021) wollen diese Petition nach eigenen Angaben bereits unterschrieben haben. Sie setzen damit ein fragwürdiges Signal an die Adresse ihrer Lehrbetriebe und an die Berufsbildung Schweiz.

So argumentieren die Petitionsführer

Die Petitionsführer argumentieren, dass während des „Home Schoolings“ viele Themen nicht richtig bearbeitet wurden. Auch konnten technische Störungen teilweise nicht aufgehoben werden, welche die, Zitat: „…belastende Situation zusätzlich verschärft…“ hätten. Sie führen weiter aus, dass während der Pandemie einige Lernende zusätzlich arbeiten mussten. Der verpasste Stoff werde nicht erneut im Präsenzunterricht erarbeitet und die Schüler würden somit unter Stress stehen. Auch die überbetrieblichen Kurse seien verschoben, oder zu Hause bearbeitet worden. Einige Lernende mussten im November 2020 erneut auf den Präsenzunterricht verzichten und sie würden, Zitat: „…nicht einmal wissen, ob die anstehenden Prüfungen 2021 stattfinden würden…“. Interessant wird die Schlussfolgerung der Petitionsschrift: Hier wird unmissverständlich klar gemacht, dass die Durchführung der Abschlussprüfungen für alle Lernenden des Abschlussjahrgangs 2021 eine Zumutung darstellen würde.

Initiative PROLEHRSTELLEN.ch wird unterwandert

Eine sachliche Differenzierung der betroffenen Branchen, sowie die Auseinandersetzung ob nur die schriftlichen oder die praktischen Fächer nicht durchgeführt werden sollen, wurde durch die Petitionsführer nicht gemacht. Auch wurden von offizieller Seite bislang keine Qualifikationsverfahren abgesagt. Es ist deshalb auch für die Petitionsführer davon auszugehen, dass alle Qualifikationsverfahren 2021 stattfinden werden. Die geschaffene „Task Force“ des Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI stand schon zu Beginn der Pandemie mit allen Bildungsinstitutionen in Kontakt. Sämtliche Entscheide und eingeleiteten Massnahmen des SBFI wurden von allen involvierten Verbands-Sektionen der Arbeitswelt bereits im September 2020 mitgetragen. Insbesondere hat man der Vereinbarkeit von „Home Schooling“ und fortlaufender praktischen Tätigkeiten der Lernenden während ihrer Ausbildung Rechnung getragen.

Durch diese Petition wird nicht nur die Initiative „PROLEHRSTELLEN.ch“ von Bundesrat Guy Parmelin unterwandert. Auch der Forderung zur „Jugendgarantie“ durch das Co-Präsidium der SP-Schweiz, Mattea Meyer und Cédric Wermuth, wirkt diese Petition massiv entgegen.

Der Aufruf von Bundesrat Guy Parmelin richtet seinen Appell an die Lehrbetriebe, weiterhin Lehrstellen zu schaffen und anzubieten. Die SP-Schweiz geht noch einen Schritt weiter und fordert mit ihrer „Jugendgarantie“ ein, dass stets genügend Lehrstellen, sowie Garantien für Weiterbeschäftigungen von ehemaligen Lernenden gewährleistet sein sollen.

Das sagen die Lehrbetriebe

Bei den Lehrbetrieben macht sich derweilen schweizweit grosse Enttäuschung breit. Entgegen den fadenscheinigen Darstellungen der Petitionsführern, man hätte für ihre Anliegen kein Gehör, führen die Lehrbetriebe aus, welche Angebote sie in der gesamten Pandemie aufrecht erhalten haben. Unter Einhaltung der vom Bundesrat verordneten Schutzkonzepte, wurden für die Lernenden trotzdem neue Ausbildungsräume und Kompetenzzentren geschaffen. Die Lernenden wurden durch ihre Berufsbildner informiert, dass ihre Ausbildungs- und Kompetenzzentren für sie jederzeit offen stehen würden. Somit hatten die Lernenden auch während der Pandemie die Möglichkeit, ihre erkannten Defizite bereits früher aufzuarbeiten.


Jörg Scherhag, Berufsbildungsverantwortlicher der Schibli Gruppe bringt es auf den Punkt:

Die Lernenden haben diese Angebote nicht wahrgenommen. Wir sind hier in der Erwachsenenbildung. Man muss die Lernenden an ihre Selbstverantwortung erinnern, denn schliesslich wollen sie auch als Erwachsene behandelt werden.

Jörg Scherhag, Schibli Gruppe

Thomas Schelker, Berufsbildungsverantwortlicher von Jaisli-Xamax bekräftigt:

Bezüglich den übergeordneten Kursen üK habe ich keine Bedenken, da diese nachgeholt wurden und somit kaum oder gar keine Beeinträchtigungen vorliegen. Hier haben die üK-Zentren einen beachtlichen Effort geleistet!

Thomas Schelker, Jaisli-Xamax

Gesa Geiser, Berufsbildungsverantwortliche von DHL Schweiz sagt:

Wir haben einige Lernende, welche letztes Jahr wegen „Home Schooling“ sehr gemütlich unterwegs waren und jetzt merken, was sie alles verpasst haben.

Gesa Geiser, DHL Schweiz

Die BKW Building Solutions AG ging u.a. aufgrund der aktuellen Situation noch einen Schritt weiter: Sie eröffnete im Januar 2021 ein neues Kompetenzzentrum für die Berufsbildung in Urdorf. Darin werden Lernende auf ihre Lehrabschlussprüfung vorbereitet. Auch zusätzliche Ausbildungseinheiten und Standortbestimmungen (Zwischenprüfungen) werden darin abgehalten. Das Kompetenzzentrum steht allen Berufsbildnern und Lernenden zur freien Nutzung offen. Doch auch hier macht sich bei den QV-Vorbereitungen Ernüchterung breit.

Rolf Siebold, Leiter Berufsbildung Gruppe BKW Building Solutions AG:

Die Abschlussjahrgänge sind dieses Jahr sehr schwach unterwegs. Das theoretische Fachwissen weist grosse Lücken auf. Auch unter Berücksichtigung, dass dies aus den durch die Petition aufgeführten Argumenten entstanden sein könnte – in den praktischen Fächern sieht es nicht besser aus.

Rolf Siebold, BKW Building Solutions AG

Diese Erkenntnis ist erstaunlich, denn schliesslich waren z.B. Lernende der Gebäudetechnik während der ganzen Pandemie auf den Projekten unterwegs.

Folgende Frage muss deshalb erlaubt sein: „Wie kam denn nun das Ausbildungs-Manko in der Praxis genau zu Stande?“

Kommentar

Diese Petition zeigt sich contra produktiv und gefährdet die Corporate Responsibility der Lehrbetriebe. Die Mitglieder der IG Berufsbildung IGBB-Schweiz sind sich einig:

Die Massnahmen des Bundesrats zur Eindämmung von COVID-19 betreffen und fordern alle Bürgerinnen und Bürger. Auch alle Lehrbetriebe und alle Lernenden. Die Lehrbetriebe und Bildungsinstitutionen haben alle Anstrengungen unternommen und den Lernenden alternative Ausbildungs-Angebote unterbreitet. Diese Chancen blieben grösstenteils ungenutzt. Doch jetzt kommt die grosse Ernüchterung bei den Abschlussjahrgängen. Alle, welche die Petition unterschrieben haben, empfehlen sich als nicht bereit für ihre Lehrabschlussprüfung. Die sachliche Konsequenz daraus wäre, die Teilnehmer der Petition nochmals ein Jahr repetieren zu lassen. Zudem erwarten wir, dass die damit einhergehende Frage beantwortet werden muss, was die Lernenden in den drei voran gegangenen Jahren denn gelernt haben?

Am nationalen Spitzentreffen der Berufsbildung vom 9. November 2020 haben sich Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt gemeinsam dafür ausgesprochen, dass die Qualifikationsverfahren 2021 grundsätzlich nach geltendem Recht durchgeführt werden sollen.


Solange die Berufsschulen offen sind, muss niemand sagen Berufskunde nicht machen zu können!

IG Berufsbildung IGBB – Schweiz

Von Seite der praktischen Ausbildung sind sich unsere Mitglieder ebenfalls einig:

Es gibt kein Argument für mangelnde Ausbildung, da die Baustellen/ Projekte offen gehalten wurden und wir glücklicherweise produzieren konnten. Die überbetrieblichen Kurse (Theorie, Praxis und Standortbestimmungen) wurden nachgeholt. Betreffend Berufskunde an den Berufsschulen, sind die bereits im Vorfeld schwachen Lernenden grösstenteils selber schuld. Sie wurden von ihren Berufsbildnern frühzeitig kontaktiert und an es wurde an ihre „Eigenverantwortung“ appelliert. Keiner der 100 Lernenden (Beispiel: Schibli Gruppe) hat sich in den letzten 10 Monaten gemeldet und die angebotenen, interne Aufgabehilfe in Anspruch genommen. Deshalb liegt die Schlussfolgerung nahe, dass dies in den Berufsfachschulen ebenso passierte. Es ist davon auszugehen, dass rund 1/3 mit Tendenz zu 2/3 der Lernenden bezügliche Berufskunde stagnieren, oder sich sogar verschlechtert haben.

Berufslehren gehören in der Kategorie „Sekundarstufe 2“ zur Erwachsenenbildung. Die Lehrbetriebe dürfen erwarten, dass sich Lernende wie Erwachsene verhalten. Man beachte diesbezüglich, dass die Petitionsführer zudem potentielle Anwärter auf einen entsprechenden Mindestlohn nach der Lehrabschlussprüfung sind.

Die Lehrbetriebe investieren horrende Summen, den Nachwuchs auszubilden. Auch die IG Berufsbildung IGBB-Schweiz sieht ihre Aufgabe darin, die Berufsbildung als Rückgrat der Wirtschaft zu stärken. Was aber nicht angehen kann, ist, dass sich Lernende um ihre Pflichten als Erwachsene drücken, um unter dem Deckmantel von COVID19 ihren Abschluss, ohne Qualitätskontrolle durch die Prüfungskommissionen und Berufsbildungsämter, zu erschleichen. Auch müssen sich die Petitionsführer vor Augen führen, welche Signale sie mit dieser Aktion gegenüber den Lehrbetrieben (welche ja genau die Lernenden auf ihrem Weg begleiten und unterstützen sollen) aussenden. Dies würde einer Schwächung und einem Imageverlust der Berufsbildung (in der Folge auch in der Höheren Berufsbildung HBB) gleichkommen. Auch würde der Initiative „PROLEHRSTELLEN.ch“ und die Forderungen zur „Jugendgarantie“ an Glaubwürdigkeit verlieren und damit den Werkplatz Schweiz nachhaltig geschädigt werden. Grundsätzlich steht es jedem Lernenden frei, sich von der Prüfung abzumelden, wenn er sich dafür nicht „fit genug“ fühlt.

Wir unterstützen die Petition „Auf das QV verzichten“ nicht und empfehlen:

Nichtunterzeichnung der Petition und vollumfängliche Ablehnung des Petitionstextes!

IG Berufsbildung IGBB – Schweiz

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Arbeitssicherheit in der beruflichen Grundbildung angekommen

Jeder verantwortungsvolle Lehrbetrieb ist sich seinen Pflichten auf dem Gebiet der „Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz“ bewusst. Die Hauptverantwortung zur Einhaltung der Massnahmen zur Arbeitssicherheit liegt beim Lehrbetrieb. Doch auch Lernende unterliegen der Ausführungspflicht zur Einhaltung der vorgegebenen Massnahmen von Seite des Lehrbetriebs. Um die Relevanz dieses Themas auch in der beruflichen Grundbildung zu stärken und zu etablieren, geht der Verband EIT.Zürich mit dem Elektro-Ausbildungszentrum EBZ in Effretikon neue Wege.

Neu werden die Lernenden  der Lehrberufe Elektroinstallateur/in EFZ und Montage-Elektriker/in EFZ mit zusätzlichen obligatorischen üK-Kurstagen geschult. Das heisst, dass die üK-Angebote ab sofort um einen üK-Tag wie folgt ergänzt werden:

  1. Lehrjahr: PSAgA (persönliche Absturzsicherung)
  2. Lehrjahr: AuS1 (Arbeiten unter Spannung)
  3. Lehrjahr: Hubarbeitsbühnen mit IPAF-Ausweis

Der zusätzliche üK-Tag wird organisatorisch an den bestehenden üK-Unterricht im entsprechenden Lehrjahr angehängt. Dieser wegweisende Entscheid von EIT.Zürich stellt sicher, dass die erwähnten Schulungsmassnahmen zumindest im Kanton Zürich automatisch sichergestellt sind. Das ist auch dringend erforderlich. Denn gemäss internen Studien eines Grossbetriebs der Branche, waren z.B. rund 30 Prozent der Berufsunfälle im Jahr 2019 auf das Nichttragen einer Schutzbrille zurückzuführen. Lernende sind immer speziell gefährdet, da sie an das Tragen einer Schutzbrille als Teil der persönlichen Schutzausrüstung oft noch nicht gewohnt sind. Alle fünf Minuten registriert die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt SUVA zudem einen arbeitsbedingten Unfall mit Augenverletzungen (Quelle: SUVA).

Doch auch im Elektrobereich erleiden jährlich 430 Elektrofachleute einen Elektrounfall. Dabei sein Leben zu verlieren, ist 50-mal höher als bei anderen Unfällen. Das Eidgenössische Starkstrominspektorat ESTI führt deshalb eine entsprechende Unfallstatistik , die nachdenklich stimmt. Denn von allen vom ESTI untersuchten Unfällen, war an jedem vierten Unfall ein Lernender beteiligt.  Bei den schweren und den tödlichen Elektrounfällen im Berufsumfeld, hat wiederum die Kampagne «Sichere Elektrizität» der Suva mit den 5+5 lebenswichtigen Regeln als zentrales Element, einen wichtigen Beitrag zur Unfallverhütung geleistet. Lobenswert, dass erstmals ein kantonaler Verband wie EIT.Zürich nun  „Nägel mit Köpfen“ macht und damit auch ein klares Signal an alle Branchen aussendet. Denn Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz betrifft alle Lernenden in der Schweiz.

Wann ziehen die anderen Kantone mit?

Dem Thema „Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz“ wird bereits in den gesamtschweizerisch geltenden Bildungsplänen der Elektroinstallateuren und Montage-Elektrikern (Anhänge 2) Rechnung getragen. Allerdings gestaltete sich bisher das integrierte Controlling der zu vermittelnden Handlungskompetenzen als schwierig. Die Pionierleistung von EIT.Zürich zeigt deutlich auf, welche Fortschritte in der beruflichen Grundbildung mit weitsichtigen Entscheidungsträgern möglich sind. Ein weiterer Vorteil dieses Konzepts zeigt sich darin, dass für die Lehrbetriebe kein zusätzlicher Koordinationsaufwand für die Belegung dieser Kurse entsteht.

Die „IG Berufsbildung IGBB – Schweiz“ befürwortet eine schweizweite  Ausdehnung dieser Ausbildungsmassnahmen in allen Branchen. Die Unfallzahlen bei den Lernenden müssen zwingend gesenkt werden. Das Verständnis und das zukünftige Handeln aller Verantwortlichen steht nun stark im Fokus. Nichts ist wichtiger, als dass Mitarbeiter und Lernende nach Arbeitsschluss wohlbehalten und gesund zu ihren Familien zurückkehren können.

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