Lernende finden Qualifikationsverfahren 2021 unfair


Update vom 09.02.2021, Beitrag SRF 4: Gastro-Lehrlinge büffeln im Lernenden-Hotel für die Prüfungen

Die Hotel-und Gastro-Branche hat das Problem erkannt und macht zusammen mit den Lernenden das Beste aus der Situation. Ein spannender Beitrag welcher aufzeigt, was trotz Corona-Pandemie alles möglich ist.


Vor rund einem Monat wurde im Stillen die schweizweite Petition „Auf das QV verzichten“ gestartet. In dieser Petition wollen alle Lernenden der Abschlussjahrgänge 2021 erreichen, dass ihre Qualifikationsverfahren QV nicht stattfinden sollen. Rund 22’130 Lernende (Stand 20.01.2021) wollen diese Petition nach eigenen Angaben bereits unterschrieben haben. Sie setzen damit ein fragwürdiges Signal an die Adresse ihrer Lehrbetriebe und an die Berufsbildung Schweiz.

So argumentieren die Petitionsführer

Die Petitionsführer argumentieren, dass während des „Home Schoolings“ viele Themen nicht richtig bearbeitet wurden. Auch konnten technische Störungen teilweise nicht aufgehoben werden, welche die, Zitat: „…belastende Situation zusätzlich verschärft…“ hätten. Sie führen weiter aus, dass während der Pandemie einige Lernende zusätzlich arbeiten mussten. Der verpasste Stoff werde nicht erneut im Präsenzunterricht erarbeitet und die Schüler würden somit unter Stress stehen. Auch die überbetrieblichen Kurse seien verschoben, oder zu Hause bearbeitet worden. Einige Lernende mussten im November 2020 erneut auf den Präsenzunterricht verzichten und sie würden, Zitat: „…nicht einmal wissen, ob die anstehenden Prüfungen 2021 stattfinden würden…“. Interessant wird die Schlussfolgerung der Petitionsschrift: Hier wird unmissverständlich klar gemacht, dass die Durchführung der Abschlussprüfungen für alle Lernenden des Abschlussjahrgangs 2021 eine Zumutung darstellen würde.

Initiative PROLEHRSTELLEN.ch wird unterwandert

Eine sachliche Differenzierung der betroffenen Branchen, sowie die Auseinandersetzung ob nur die schriftlichen oder die praktischen Fächer nicht durchgeführt werden sollen, wurde durch die Petitionsführer nicht gemacht. Auch wurden von offizieller Seite bislang keine Qualifikationsverfahren abgesagt. Es ist deshalb auch für die Petitionsführer davon auszugehen, dass alle Qualifikationsverfahren 2021 stattfinden werden. Die geschaffene „Task Force“ des Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI stand schon zu Beginn der Pandemie mit allen Bildungsinstitutionen in Kontakt. Sämtliche Entscheide und eingeleiteten Massnahmen des SBFI wurden von allen involvierten Verbands-Sektionen der Arbeitswelt bereits im September 2020 mitgetragen. Insbesondere hat man der Vereinbarkeit von „Home Schooling“ und fortlaufender praktischen Tätigkeiten der Lernenden während ihrer Ausbildung Rechnung getragen.

Durch diese Petition wird nicht nur die Initiative „PROLEHRSTELLEN.ch“ von Bundesrat Guy Parmelin unterwandert. Auch der Forderung zur „Jugendgarantie“ durch das Co-Präsidium der SP-Schweiz, Mattea Meyer und Cédric Wermuth, wirkt diese Petition massiv entgegen.

Der Aufruf von Bundesrat Guy Parmelin richtet seinen Appell an die Lehrbetriebe, weiterhin Lehrstellen zu schaffen und anzubieten. Die SP-Schweiz geht noch einen Schritt weiter und fordert mit ihrer „Jugendgarantie“ ein, dass stets genügend Lehrstellen, sowie Garantien für Weiterbeschäftigungen von ehemaligen Lernenden gewährleistet sein sollen.

Das sagen die Lehrbetriebe

Bei den Lehrbetrieben macht sich derweilen schweizweit grosse Enttäuschung breit. Entgegen den fadenscheinigen Darstellungen der Petitionsführern, man hätte für ihre Anliegen kein Gehör, führen die Lehrbetriebe aus, welche Angebote sie in der gesamten Pandemie aufrecht erhalten haben. Unter Einhaltung der vom Bundesrat verordneten Schutzkonzepte, wurden für die Lernenden trotzdem neue Ausbildungsräume und Kompetenzzentren geschaffen. Die Lernenden wurden durch ihre Berufsbildner informiert, dass ihre Ausbildungs- und Kompetenzzentren für sie jederzeit offen stehen würden. Somit hatten die Lernenden auch während der Pandemie die Möglichkeit, ihre erkannten Defizite bereits früher aufzuarbeiten.


Jörg Scherhag, Berufsbildungsverantwortlicher der Schibli Gruppe bringt es auf den Punkt:

Die Lernenden haben diese Angebote nicht wahrgenommen. Wir sind hier in der Erwachsenenbildung. Man muss die Lernenden an ihre Selbstverantwortung erinnern, denn schliesslich wollen sie auch als Erwachsene behandelt werden.

Jörg Scherhag, Schibli Gruppe

Thomas Schelker, Berufsbildungsverantwortlicher von Jaisli-Xamax bekräftigt:

Bezüglich den übergeordneten Kursen üK habe ich keine Bedenken, da diese nachgeholt wurden und somit kaum oder gar keine Beeinträchtigungen vorliegen. Hier haben die üK-Zentren einen beachtlichen Effort geleistet!

Thomas Schelker, Jaisli-Xamax

Gesa Geiser, Berufsbildungsverantwortliche von DHL Schweiz sagt:

Wir haben einige Lernende, welche letztes Jahr wegen „Home Schooling“ sehr gemütlich unterwegs waren und jetzt merken, was sie alles verpasst haben.

Gesa Geiser, DHL Schweiz

Die BKW Building Solutions AG ging u.a. aufgrund der aktuellen Situation noch einen Schritt weiter: Sie eröffnete im Januar 2021 ein neues Kompetenzzentrum für die Berufsbildung in Urdorf. Darin werden Lernende auf ihre Lehrabschlussprüfung vorbereitet. Auch zusätzliche Ausbildungseinheiten und Standortbestimmungen (Zwischenprüfungen) werden darin abgehalten. Das Kompetenzzentrum steht allen Berufsbildnern und Lernenden zur freien Nutzung offen. Doch auch hier macht sich bei den QV-Vorbereitungen Ernüchterung breit.

Rolf Siebold, Leiter Berufsbildung Gruppe BKW Building Solutions AG:

Die Abschlussjahrgänge sind dieses Jahr sehr schwach unterwegs. Das theoretische Fachwissen weist grosse Lücken auf. Auch unter Berücksichtigung, dass dies aus den durch die Petition aufgeführten Argumenten entstanden sein könnte – in den praktischen Fächern sieht es nicht besser aus.

Rolf Siebold, BKW Building Solutions AG

Diese Erkenntnis ist erstaunlich, denn schliesslich waren z.B. Lernende der Gebäudetechnik während der ganzen Pandemie auf den Projekten unterwegs.

Folgende Frage muss deshalb erlaubt sein: „Wie kam denn nun das Ausbildungs-Manko in der Praxis genau zu Stande?“

Kommentar

Diese Petition zeigt sich contra produktiv und gefährdet die Corporate Responsibility der Lehrbetriebe. Die Mitglieder der IG Berufsbildung IGBB-Schweiz sind sich einig:

Die Massnahmen des Bundesrats zur Eindämmung von COVID-19 betreffen und fordern alle Bürgerinnen und Bürger. Auch alle Lehrbetriebe und alle Lernenden. Die Lehrbetriebe und Bildungsinstitutionen haben alle Anstrengungen unternommen und den Lernenden alternative Ausbildungs-Angebote unterbreitet. Diese Chancen blieben grösstenteils ungenutzt. Doch jetzt kommt die grosse Ernüchterung bei den Abschlussjahrgängen. Alle, welche die Petition unterschrieben haben, empfehlen sich als nicht bereit für ihre Lehrabschlussprüfung. Die sachliche Konsequenz daraus wäre, die Teilnehmer der Petition nochmals ein Jahr repetieren zu lassen. Zudem erwarten wir, dass die damit einhergehende Frage beantwortet werden muss, was die Lernenden in den drei voran gegangenen Jahren denn gelernt haben?

Am nationalen Spitzentreffen der Berufsbildung vom 9. November 2020 haben sich Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt gemeinsam dafür ausgesprochen, dass die Qualifikationsverfahren 2021 grundsätzlich nach geltendem Recht durchgeführt werden sollen.


Solange die Berufsschulen offen sind, muss niemand sagen Berufskunde nicht machen zu können!

IG Berufsbildung IGBB – Schweiz

Von Seite der praktischen Ausbildung sind sich unsere Mitglieder ebenfalls einig:

Es gibt kein Argument für mangelnde Ausbildung, da die Baustellen/ Projekte offen gehalten wurden und wir glücklicherweise produzieren konnten. Die überbetrieblichen Kurse (Theorie, Praxis und Standortbestimmungen) wurden nachgeholt. Betreffend Berufskunde an den Berufsschulen, sind die bereits im Vorfeld schwachen Lernenden grösstenteils selber schuld. Sie wurden von ihren Berufsbildnern frühzeitig kontaktiert und an es wurde an ihre „Eigenverantwortung“ appelliert. Keiner der 100 Lernenden (Beispiel: Schibli Gruppe) hat sich in den letzten 10 Monaten gemeldet und die angebotenen, interne Aufgabehilfe in Anspruch genommen. Deshalb liegt die Schlussfolgerung nahe, dass dies in den Berufsfachschulen ebenso passierte. Es ist davon auszugehen, dass rund 1/3 mit Tendenz zu 2/3 der Lernenden bezügliche Berufskunde stagnieren, oder sich sogar verschlechtert haben.

Berufslehren gehören in der Kategorie „Sekundarstufe 2“ zur Erwachsenenbildung. Die Lehrbetriebe dürfen erwarten, dass sich Lernende wie Erwachsene verhalten. Man beachte diesbezüglich, dass die Petitionsführer zudem potentielle Anwärter auf einen entsprechenden Mindestlohn nach der Lehrabschlussprüfung sind.

Die Lehrbetriebe investieren horrende Summen, den Nachwuchs auszubilden. Auch die IG Berufsbildung IGBB-Schweiz sieht ihre Aufgabe darin, die Berufsbildung als Rückgrat der Wirtschaft zu stärken. Was aber nicht angehen kann, ist, dass sich Lernende um ihre Pflichten als Erwachsene drücken, um unter dem Deckmantel von COVID19 ihren Abschluss, ohne Qualitätskontrolle durch die Prüfungskommissionen und Berufsbildungsämter, zu erschleichen. Auch müssen sich die Petitionsführer vor Augen führen, welche Signale sie mit dieser Aktion gegenüber den Lehrbetrieben (welche ja genau die Lernenden auf ihrem Weg begleiten und unterstützen sollen) aussenden. Dies würde einer Schwächung und einem Imageverlust der Berufsbildung (in der Folge auch in der Höheren Berufsbildung HBB) gleichkommen. Auch würde der Initiative „PROLEHRSTELLEN.ch“ und die Forderungen zur „Jugendgarantie“ an Glaubwürdigkeit verlieren und damit den Werkplatz Schweiz nachhaltig geschädigt werden. Grundsätzlich steht es jedem Lernenden frei, sich von der Prüfung abzumelden, wenn er sich dafür nicht „fit genug“ fühlt.

Wir unterstützen die Petition „Auf das QV verzichten“ nicht und empfehlen:

Nichtunterzeichnung der Petition und vollumfängliche Ablehnung des Petitionstextes!

IG Berufsbildung IGBB – Schweiz

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Arbeitssicherheit in der beruflichen Grundbildung angekommen

Jeder verantwortungsvolle Lehrbetrieb ist sich seinen Pflichten auf dem Gebiet der „Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz“ bewusst. Die Hauptverantwortung zur Einhaltung der Massnahmen zur Arbeitssicherheit liegt beim Lehrbetrieb. Doch auch Lernende unterliegen der Ausführungspflicht zur Einhaltung der vorgegebenen Massnahmen von Seite des Lehrbetriebs. Um die Relevanz dieses Themas auch in der beruflichen Grundbildung zu stärken und zu etablieren, geht der Verband EIT.Zürich mit dem Elektro-Ausbildungszentrum EBZ in Effretikon neue Wege.

Neu werden die Lernenden  der Lehrberufe Elektroinstallateur/in EFZ und Montage-Elektriker/in EFZ mit zusätzlichen obligatorischen üK-Kurstagen geschult. Das heisst, dass die üK-Angebote ab sofort um einen üK-Tag wie folgt ergänzt werden:

  1. Lehrjahr: PSAgA (persönliche Absturzsicherung)
  2. Lehrjahr: AuS1 (Arbeiten unter Spannung)
  3. Lehrjahr: Hubarbeitsbühnen mit IPAF-Ausweis

Der zusätzliche üK-Tag wird organisatorisch an den bestehenden üK-Unterricht im entsprechenden Lehrjahr angehängt. Dieser wegweisende Entscheid von EIT.Zürich stellt sicher, dass die erwähnten Schulungsmassnahmen zumindest im Kanton Zürich automatisch sichergestellt sind. Das ist auch dringend erforderlich. Denn gemäss internen Studien eines Grossbetriebs der Branche, waren z.B. rund 30 Prozent der Berufsunfälle im Jahr 2019 auf das Nichttragen einer Schutzbrille zurückzuführen. Lernende sind immer speziell gefährdet, da sie an das Tragen einer Schutzbrille als Teil der persönlichen Schutzausrüstung oft noch nicht gewohnt sind. Alle fünf Minuten registriert die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt SUVA zudem einen arbeitsbedingten Unfall mit Augenverletzungen (Quelle: SUVA).

Doch auch im Elektrobereich erleiden jährlich 430 Elektrofachleute einen Elektrounfall. Dabei sein Leben zu verlieren, ist 50-mal höher als bei anderen Unfällen. Das Eidgenössische Starkstrominspektorat ESTI führt deshalb eine entsprechende Unfallstatistik , die nachdenklich stimmt. Denn von allen vom ESTI untersuchten Unfällen, war an jedem vierten Unfall ein Lernender beteiligt.  Bei den schweren und den tödlichen Elektrounfällen im Berufsumfeld, hat wiederum die Kampagne «Sichere Elektrizität» der Suva mit den 5+5 lebenswichtigen Regeln als zentrales Element, einen wichtigen Beitrag zur Unfallverhütung geleistet. Lobenswert, dass erstmals ein kantonaler Verband wie EIT.Zürich nun  „Nägel mit Köpfen“ macht und damit auch ein klares Signal an alle Branchen aussendet. Denn Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz betrifft alle Lernenden in der Schweiz.

Wann ziehen die anderen Kantone mit?

Dem Thema „Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz“ wird bereits in den gesamtschweizerisch geltenden Bildungsplänen der Elektroinstallateuren und Montage-Elektrikern (Anhänge 2) Rechnung getragen. Allerdings gestaltete sich bisher das integrierte Controlling der zu vermittelnden Handlungskompetenzen als schwierig. Die Pionierleistung von EIT.Zürich zeigt deutlich auf, welche Fortschritte in der beruflichen Grundbildung mit weitsichtigen Entscheidungsträgern möglich sind. Ein weiterer Vorteil dieses Konzepts zeigt sich darin, dass für die Lehrbetriebe kein zusätzlicher Koordinationsaufwand für die Belegung dieser Kurse entsteht.

Die „IG Berufsbildung IGBB – Schweiz“ befürwortet eine schweizweite  Ausdehnung dieser Ausbildungsmassnahmen in allen Branchen. Die Unfallzahlen bei den Lernenden müssen zwingend gesenkt werden. Das Verständnis und das zukünftige Handeln aller Verantwortlichen steht nun stark im Fokus. Nichts ist wichtiger, als dass Mitarbeiter und Lernende nach Arbeitsschluss wohlbehalten und gesund zu ihren Familien zurückkehren können.

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MINT-Ausbildung und Kosten-Nutzen im dualen System

Diese Studie über die „Kosten-Nutzen“- Thematik in der Berufsbildung, setzt den Fokus auf einen Grossbetrieb in der Gebäudetechnik in der Schweiz. Es wurde eine langfristige, d.h. über die gesamte Ausbildungszeit dauernde, Kosten-Nutzen-Analyse von zwei MINT-Ausbildungsberufen (Elektroinstallateur/in EFZ, Montage-Elektriker/in EFZ) erstellt. Dabei wurden verschiedene Faktoren berücksichtigt, wie beispielsweise Löhne, Kosten für die interne Ausbildungszeit, Einnahmen bei Kundenaufträgen sowie Rekrutierungskosten. Die langfristige Stichprobe der Studie beinhaltet Regionen bezogene Kosten- und Ertragsdaten von 123 Elektroinstallateuren und 70 Montage-Elektrikern. Dabei ging es primär darum, wo und wie mögliche Nettoerträge des Unternehmens bei der Ausbildung der beiden MINT-Berufen in die Ausbildung reinvestiert werden können.

Die wohl wichtigste praktische Erkenntnis ist, dass die Ergebnisse der EHB-Studie (vgl. Gehret, Aepli, Kuhn, Schweri, 2019) zu „Kosten-Nutzen“ in der Berufsbildung, grösstenteils auf Daten von KMU-Lehrbetrieben (d.h. mit weniger als 250 Vollzeitstellen) basieren. Diese unterscheiden sich stark von den Daten des analysierten Grossbetriebs. Die beiden MINT-Ausbildungen erwirtschaften beträchtliche Netto-Erträge. Ökonomisch betrachtet könnten somit entlang dieser internen Evidenzen, diese finanziellen Mittel in verschiedenen Ansätzen zur Sicherung der Nachwuchsfachkräfte reinvestiert werden. Theoretisch zeigt die Studie, dass weitere Studien zur „Kosten-Nutzen“-Thematik in weiteren Grossbetrieben im MINT-Ausbildungsbereich gemacht werden sollten.

Speziell wichtig erscheint es zu testen, ob sich die positiven Erträge der Ausbildung in diesem Fallbeispiel in weiteren Grossbetrieben im MINT-Ausbildungsbereich replizieren lassen.

Betrieb: Was ist die wohl wichtigste Erkenntnis der Studie?

Der analysierte Lehrbetrieb verfügt über 425 Lernende in 21 verschiedenen Lehrberufen. In der vorliegenden Kosten-Nutzen-Analyse, wurde auch auf die schweizweite Regionalität eingegangen. Diese berücksichtigen alle standortbezogenen Kosten, sowie die entsprechende Mitarbeiterzusammensetzung hinsichtlich Alter, Qualifikation und Lohnzahlungen. Somit wurden alle Berechnungen mit betriebseigenen Daten durchgeführt. In der EHB-Studie 2019 (vgl. Werte der 4. Studie, nachfolgende Tabellen) haben grösstenteils KMU-Lehrbetriebe teilgenommen. Diese Zahlen unterscheiden sich stark von den Daten des analysierten Lehrbetriebs.

Vergleich: Kosten-Nutzen Elektroinstallateur/in EFZ 2019

Die Vermutung liegt somit nahe, dass die Kostenrechnungen der KMU-Lehrbetriebe nicht so genau ausfallen, wie in einem Grossbetrieb. Interessant ist auch die Aussage in der EHB-Studie (vgl. ebenda S. 34), dass ein wesentlicher Grund für die Zunahme der Bruttokosten sei, dass die Lehrlingslohnkosten mit steigender Betriebsgrösse zunehmen würden. Das kann so nicht bestätigt werden. Bei beiden Lehrberufen fallen die Bruttokosten und die produktiven Leistungen beim analysierten Lehrbetrieb geringer aus, obwohl sich die Lehrlingslohnkosten des analysierten Lehrbetriebs im guten schweizerischen Mittel bewegen.

Vergleich: Kosten-Nutzen Montage-Elektriker/in EFZ 2019

Interessant ist, dass die Abweichungen in den erhobenen Werten der EHB-Studie weit über das Vertrauensintervall von 95% hinausgehen. Hier resultieren erstaunliche Streuungen von bis zu 64%. Und dies vor allem im Bereich der erhobenen Werte des Netto-Nutzens. In beiden Lehrberufen, werden beim analysierten Lehrbetrieb Netto-Nutzen erzielt. Das heisst, dass die Berufsbildung theoretisch in der Lage sein würde, zur Sicherung der Nachwuchsfachkräfte einen finanziellen Beitrag beisteuern zu können. Auch alterative Ausbildungsmodelle und Zusatzausbildungen für Lernende können nun aufgrund dieser internen Evidenzen geprüft werden.

Rekrutive Opportunitätserträge: Ja – aber richtig, bitte!

Von Interesse sind auch die realisierten rekrutiven Opportunitätserträge. Mit Blick auf die EHB-Studie, wurden zu dieser Thematik für Betriebe >99 Mitarbeiter, zwei Durchschnittswerte nach Betriebsgrösse berechnet: Für die Rekrutierungs- und Einarbeitungskosten, wurden CHF 18’840 und für realisierten rekrutiven Opportunitätserträge CHF 14’410 pro Fachkraft errechnet (vgl. Gehret, Aepli, Kuhn, Schweri, 2019, S.39, Tabelle 12).

Die vorliegende Analyse (vgl. Siebold, 2019) kommt jedoch zu folgenden Erkenntnissen: Würden im analysierten Lehrbetrieb keine Lehrlinge am Ende ihrer Ausbildung übernommen, dann müssten Rekrutierungs- und Einarbeitungskosten von CHF 364’978 für die Elektroinstallateure und CHF 276’948 für die Montage-Elektriker finanziert werden. Würden nun aber rund 60% der Lehrlinge am Ende ihrer Ausbildung übernommen, resultierten daraus (nur bei einer nachfolgenden 100%-Verbleibsquote, für mindestens ein Jahr) realisierte rekrutive Opportunitätserträge von CHF 279’158 für die Elektroinstallateure und von CHF 211’827 für die Montage-Elektriker. Die erhobene Verbleibsquote der Elektroinstallateure und Montage-Elektriker für die Dauer des nachfolgenden Erwerbsjahres, beträgt beim analysierten Lehrbetrieb durchschnittlich 68%. Das bedeutet, dass sich die realisierten rekrutiven Opportunitätserträge (Netto) nach einem Jahr bei den Elektroinstallateuren auf CHF 189’827 und bei den Montage-Elektrikern auf CHF 144’042 reduzieren. Für die Kosten-Nutzen-Analyse sind die realisierten rekrutiven Opportunitätserträge für die Elektroinstallateure und Montage-Elektriker zu je CHF 9’799 direkt von Bedeutung. Diese fallen pro Lehrling (unter Berücksichtigung der Verbleibsquote von 68% für ein Jahr) während seiner Lehrzeit einmalig an und fliessen direkt in die Kosten-Nutzen-Analyse ein.

Realisierte rekrutive Opportunitätserträge 2019

Nutzen bei vorzeitigen Lehrabbrüchen

Wenn Lehrlinge ihre Ausbildung vorzeitig abbrechen, ist das grundsätzlich immer mit Kosten verbunden. Lösen sie ihren Lehrvertrag vorzeitig auf, dann hat die Nachwuchsförderung des Lehrbetriebs fehlgeschlagen. Je nach Zeitpunkt des Lehrabbruchs jedoch, resultiert für den Lehrbetrieb doch ein finanzieller Nutzen.

Nutzen von vorzeitigen Lehrabbrüchen

Je mehr die Fachkompetenz des Lehrlings also ausgebildet ist, desto höher ist sein Bildungsstand. Somit kann der Lehrling auch vermehrt fachtechnische Tätigkeiten ausführen. Es wird deutlich, dass ein vorzeitiger Lehrabbruch im ersten Lehrjahr bei beiden Lehrberufen mit Kosten verbunden ist. Während ein Lehrabbruch beim Elektroinstallateur im zweiten Lehrjahr immer noch mit Kosten verbunden ist, resultiert beim Montage-Elektriker im gleichen Zeitpunkt der Lehre bereits ein Nutzen. Bricht ein Elektroinstallateur im vierten Lehrjahr seine Ausbildung vorzeitig ab, bleibt für den Lehrbetrieb auch hier ein Nutzen zurück. Bei beiden Lehrberufen entsteht im dritten Lehrjahr ein Nutzen bei einem vorzeitigen Lehrabbruch.

Schlussfolgerungen

Neben allen diesen Zahlen, soll der Mensch noch immer Zentrum stehen. Eine hohe Ausbildungsqualität muss für jeden Lehrbetrieb ein grundlegendes Anliegen sein. Dies betrifft sowohl die Berufsbildung, als auch die spätere Weiterbildung der Mitarbeiter. Nur gut ausgebildete Mitarbeiter bringen der Unternehmung jene Wertschöpfung, die sie zum wirtschaftlichen Überleben braucht. Es ist in Fachkreisen unbestritten, dass in der Ausbildung von MINT-Berufen hohe Anstrengungen unternommen werden müssen, um an geeignete Bewerber zu gelangen. 

Die Kultur in einem Grossbetrieb ist manchmal auch davon geprägt, dass diese Situation nicht immer so gesehen wird, wie sie eigentlich sollte. Denn vielerorts ist man sich dieser Probleme zwar bewusst, aber mit der Investition von erforderlicher Zeit wird dann trotzdem spärlich umgegangen. Mit steigendem Termindruck auf den Projekten, geraten nicht selten auch jene zeitlichen Ressourcen unter Druck, die eigentlich zur Ausbildung der Lehrlinge eingesetzt werden müssten. Die Bildungsethik eines Lehrbetriebs spielt dabei eine entscheidende Rolle: Es muss ein fairer Deal zwischen allen Vertragspartner sein und das kann es nur, wenn die «schwarze Zahl» am Ende der Ausbildungszeit nicht zu hoch ausfällt.

Wenn man sich als Unternehmung zur Ausbildung von Lehrlingen entscheidet, dann soll dies nicht aus rein wirtschaftlichen Aspekten erfolgen. Würde so gehandelt werden, wäre Corporate Social Responsibility nicht vorhanden.

Rolf Siebold, 2020

Dieser Sachverhalt ist das «Mutter-Problem», welches noch zu wenige Verantwortliche erkannt haben. Die Auswirkungen davon sind, dass Lehrbetriebe die Kosten-Nutzen in der Berufsbildung ungenau kalkulieren und nicht genau wissen wo sie stehen. Oder sie haben es gesamtheitlich noch nicht verstanden.  Dabei ist es höchste Zeit: Denn auch in der aktuellsten Publikation „Berufsbildung in der Schweiz – Fakten und Zahlen 2020“ des Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI, sehen die Zukunftsaussichten der MINT-Ausbildungen, entlang des Rankings der beliebtesten Lehrberufe, nicht gerade rosig aus.

Ergebnisse

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