MINT-Ausbildung und Kosten-Nutzen im dualen System

Diese Studie über die „Kosten-Nutzen“- Thematik in der Berufsbildung, setzt den Fokus auf einen Grossbetrieb in der Gebäudetechnik in der Schweiz. Es wurde eine langfristige, d.h. über die gesamte Ausbildungszeit dauernde, Kosten-Nutzen-Analyse von zwei MINT-Ausbildungsberufen (Elektroinstallateur/in EFZ, Montage-Elektriker/in EFZ) erstellt. Dabei wurden verschiedene Faktoren berücksichtigt, wie beispielsweise Löhne, Kosten für die interne Ausbildungszeit, Einnahmen bei Kundenaufträgen sowie Rekrutierungskosten. Die langfristige Stichprobe der Studie beinhaltet Regionen bezogene Kosten- und Ertragsdaten von 123 Elektroinstallateuren und 70 Montage-Elektrikern. Dabei ging es primär darum, wo und wie mögliche Nettoerträge des Unternehmens bei der Ausbildung der beiden MINT-Berufen in die Ausbildung reinvestiert werden können.

Die wohl wichtigste praktische Erkenntnis ist, dass die Ergebnisse der EHB-Studie (vgl. Gehret, Aepli, Kuhn, Schweri, 2019) zu „Kosten-Nutzen“ in der Berufsbildung, grösstenteils auf Daten von KMU-Lehrbetrieben (d.h. mit weniger als 250 Vollzeitstellen) basieren. Diese unterscheiden sich stark von den Daten des analysierten Grossbetriebs. Die beiden MINT-Ausbildungen erwirtschaften beträchtliche Netto-Erträge. Ökonomisch betrachtet könnten somit entlang dieser internen Evidenzen, diese finanziellen Mittel in verschiedenen Ansätzen zur Sicherung der Nachwuchsfachkräfte reinvestiert werden. Theoretisch zeigt die Studie, dass weitere Studien zur „Kosten-Nutzen“-Thematik in weiteren Grossbetrieben im MINT-Ausbildungsbereich gemacht werden sollten.

Speziell wichtig erscheint es zu testen, ob sich die positiven Erträge der Ausbildung in diesem Fallbeispiel in weiteren Grossbetrieben im MINT-Ausbildungsbereich replizieren lassen.

Betrieb: Was ist die wohl wichtigste Erkenntnis der Studie?

Der analysierte Lehrbetrieb verfügt über 425 Lernende in 21 verschiedenen Lehrberufen. In der vorliegenden Kosten-Nutzen-Analyse, wurde auch auf die schweizweite Regionalität eingegangen. Diese berücksichtigen alle standortbezogenen Kosten, sowie die entsprechende Mitarbeiterzusammensetzung hinsichtlich Alter, Qualifikation und Lohnzahlungen. Somit wurden alle Berechnungen mit betriebseigenen Daten durchgeführt. In der EHB-Studie 2019 (vgl. Werte der 4. Studie, nachfolgende Tabellen) haben grösstenteils KMU-Lehrbetriebe teilgenommen. Diese Zahlen unterscheiden sich stark von den Daten des analysierten Lehrbetriebs.

Vergleich: Kosten-Nutzen Elektroinstallateur/in EFZ 2019

Die Vermutung liegt somit nahe, dass die Kostenrechnungen der KMU-Lehrbetriebe nicht so genau ausfallen, wie in einem Grossbetrieb. Interessant ist auch die Aussage in der EHB-Studie (vgl. ebenda S. 34), dass ein wesentlicher Grund für die Zunahme der Bruttokosten sei, dass die Lehrlingslohnkosten mit steigender Betriebsgrösse zunehmen würden. Das kann so nicht bestätigt werden. Bei beiden Lehrberufen fallen die Bruttokosten und die produktiven Leistungen beim analysierten Lehrbetrieb geringer aus, obwohl sich die Lehrlingslohnkosten des analysierten Lehrbetriebs im guten schweizerischen Mittel bewegen.

Vergleich: Kosten-Nutzen Montage-Elektriker/in EFZ 2019

Interessant ist, dass die Abweichungen in den erhobenen Werten der EHB-Studie weit über das Vertrauensintervall von 95% hinausgehen. Hier resultieren erstaunliche Streuungen von bis zu 64%. Und dies vor allem im Bereich der erhobenen Werte des Netto-Nutzens. In beiden Lehrberufen, werden beim analysierten Lehrbetrieb Netto-Nutzen erzielt. Das heisst, dass die Berufsbildung theoretisch in der Lage sein würde, zur Sicherung der Nachwuchsfachkräfte einen finanziellen Beitrag beisteuern zu können. Auch alterative Ausbildungsmodelle und Zusatzausbildungen für Lernende können nun aufgrund dieser internen Evidenzen geprüft werden.

Rekrutive Opportunitätserträge: Ja – aber richtig, bitte!

Von Interesse sind auch die realisierten rekrutiven Opportunitätserträge. Mit Blick auf die EHB-Studie, wurden zu dieser Thematik für Betriebe >99 Mitarbeiter, zwei Durchschnittswerte nach Betriebsgrösse berechnet: Für die Rekrutierungs- und Einarbeitungskosten, wurden CHF 18’840 und für realisierten rekrutiven Opportunitätserträge CHF 14’410 pro Fachkraft errechnet (vgl. Gehret, Aepli, Kuhn, Schweri, 2019, S.39, Tabelle 12).

Die vorliegende Analyse (vgl. Siebold, 2019) kommt jedoch zu folgenden Erkenntnissen: Würden im analysierten Lehrbetrieb keine Lehrlinge am Ende ihrer Ausbildung übernommen, dann müssten Rekrutierungs- und Einarbeitungskosten von CHF 364’978 für die Elektroinstallateure und CHF 276’948 für die Montage-Elektriker finanziert werden. Würden nun aber rund 60% der Lehrlinge am Ende ihrer Ausbildung übernommen, resultierten daraus (nur bei einer nachfolgenden 100%-Verbleibsquote, für mindestens ein Jahr) realisierte rekrutive Opportunitätserträge von CHF 279’158 für die Elektroinstallateure und von CHF 211’827 für die Montage-Elektriker. Die erhobene Verbleibsquote der Elektroinstallateure und Montage-Elektriker für die Dauer des nachfolgenden Erwerbsjahres, beträgt beim analysierten Lehrbetrieb durchschnittlich 68%. Das bedeutet, dass sich die realisierten rekrutiven Opportunitätserträge (Netto) nach einem Jahr bei den Elektroinstallateuren auf CHF 189’827 und bei den Montage-Elektrikern auf CHF 144’042 reduzieren. Für die Kosten-Nutzen-Analyse sind die realisierten rekrutiven Opportunitätserträge für die Elektroinstallateure und Montage-Elektriker zu je CHF 9’799 direkt von Bedeutung. Diese fallen pro Lehrling (unter Berücksichtigung der Verbleibsquote von 68% für ein Jahr) während seiner Lehrzeit einmalig an und fliessen direkt in die Kosten-Nutzen-Analyse ein.

Realisierte rekrutive Opportunitätserträge 2019

Nutzen bei vorzeitigen Lehrabbrüchen

Wenn Lehrlinge ihre Ausbildung vorzeitig abbrechen, ist das grundsätzlich immer mit Kosten verbunden. Lösen sie ihren Lehrvertrag vorzeitig auf, dann hat die Nachwuchsförderung des Lehrbetriebs fehlgeschlagen. Je nach Zeitpunkt des Lehrabbruchs jedoch, resultiert für den Lehrbetrieb doch ein finanzieller Nutzen.

Nutzen von vorzeitigen Lehrabbrüchen

Je mehr die Fachkompetenz des Lehrlings also ausgebildet ist, desto höher ist sein Bildungsstand. Somit kann der Lehrling auch vermehrt fachtechnische Tätigkeiten ausführen. Es wird deutlich, dass ein vorzeitiger Lehrabbruch im ersten Lehrjahr bei beiden Lehrberufen mit Kosten verbunden ist. Während ein Lehrabbruch beim Elektroinstallateur im zweiten Lehrjahr immer noch mit Kosten verbunden ist, resultiert beim Montage-Elektriker im gleichen Zeitpunkt der Lehre bereits ein Nutzen. Bricht ein Elektroinstallateur im vierten Lehrjahr seine Ausbildung vorzeitig ab, bleibt für den Lehrbetrieb auch hier ein Nutzen zurück. Bei beiden Lehrberufen entsteht im dritten Lehrjahr ein Nutzen bei einem vorzeitigen Lehrabbruch.

Schlussfolgerungen

Neben allen diesen Zahlen, soll der Mensch noch immer Zentrum stehen. Eine hohe Ausbildungsqualität muss für jeden Lehrbetrieb ein grundlegendes Anliegen sein. Dies betrifft sowohl die Berufsbildung, als auch die spätere Weiterbildung der Mitarbeiter. Nur gut ausgebildete Mitarbeiter bringen der Unternehmung jene Wertschöpfung, die sie zum wirtschaftlichen Überleben braucht. Es ist in Fachkreisen unbestritten, dass in der Ausbildung von MINT-Berufen hohe Anstrengungen unternommen werden müssen, um an geeignete Bewerber zu gelangen. 

Die Kultur in einem Grossbetrieb ist manchmal auch davon geprägt, dass diese Situation nicht immer so gesehen wird, wie sie eigentlich sollte. Denn vielerorts ist man sich dieser Probleme zwar bewusst, aber mit der Investition von erforderlicher Zeit wird dann trotzdem spärlich umgegangen. Mit steigendem Termindruck auf den Projekten, geraten nicht selten auch jene zeitlichen Ressourcen unter Druck, die eigentlich zur Ausbildung der Lehrlinge eingesetzt werden müssten. Die Bildungsethik eines Lehrbetriebs spielt dabei eine entscheidende Rolle: Es muss ein fairer Deal zwischen allen Vertragspartner sein und das kann es nur, wenn die «schwarze Zahl» am Ende der Ausbildungszeit nicht zu hoch ausfällt.

Wenn man sich als Unternehmung zur Ausbildung von Lehrlingen entscheidet, dann soll dies nicht aus rein wirtschaftlichen Aspekten erfolgen. Würde so gehandelt werden, wäre Corporate Social Responsibility nicht vorhanden.

Rolf Siebold, 2020

Dieser Sachverhalt ist das «Mutter-Problem», welches noch zu wenige Verantwortliche erkannt haben. Die Auswirkungen davon sind, dass Lehrbetriebe die Kosten-Nutzen in der Berufsbildung ungenau kalkulieren und nicht genau wissen wo sie stehen. Oder sie haben es gesamtheitlich noch nicht verstanden.  Dabei ist es höchste Zeit: Denn auch in der aktuellsten Publikation „Berufsbildung in der Schweiz – Fakten und Zahlen 2020“ des Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI, sehen die Zukunftsaussichten der MINT-Ausbildungen, entlang des Rankings der beliebtesten Lehrberufe, nicht gerade rosig aus.

Ergebnisse

Interessiert? Hier geht es zur ganzen Kosten-Nutzen-Analyse: 

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.